Mittelmeer Teil 2

Albanien

Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4

 

Olympische Hornissen,

oder wie ich zum Regengott wurde

Teil 2

 

Die Gedenkstätte von Srebrenica ist ein großer Friedhof. Bei meinem Besuch waren etwas mehr als 20 Jahre seit dem Massaker vergangen. Die Tafeln trugen die Namen aller identifizierten Toten und deren Geburtstage. Obwohl mir in der drückenden Hitze der Schweiß in Strömen rann, wollte Irgendetwas in mir alle diese Namen lesen. Alphabetisch geordnet waren ganze Familien aufgeführt. Etliche der Opfer waren grad einmal 10 oder 11 Jahre alt gewesen. Warum? Dieses Wort geisterte immer wieder durch meine Gedanken, fand aber keine Erklärung.

 

Eine ganze Weile noch saß ich da und schaute die Menschen an. Die Lebenden, die mit ihren Familien dort hinkamen. Bei der Ankunft lächelten sie mich an. Beim Verlassen der Städte nickten sie. Zu mehr war niemand fähig. Ein Polizist bewachte die Toten in seinem Auto sitzend. Er nickte jedem Besucher zu. Alle suchten bestimmte Namen, beteten oder machten ein Foto. Nur die kleinen Kinder rannten umher und lächelten.

 

Einen Monat zuvor hatte der serbische Ministerpräsident diesen Ort besucht und war mit Steinen beworfen worden. Vergeben braucht Zeit. Die Welt hat den Deutschen vergeben. Hoffentlich können diese Menschen eines Tages sich gegenseitig vergeben. Vergessen aber darf man es nie.

Es gibt christliche und muslimische Dörfer. Auch durch Dörfer mit Moschee und Kirche bin ich gefahren. Die Toten mischen sich nicht. Hoffentlich tun es die Lebenden.

 

Am gleichen Tag noch habe ich die Grenze zu Serbien passiert. Mit einem Lächeln öffnete sich die Schranke. Ich hatte mir wieder mal ein Zimmer genommen, bei den Tätern von Srebrenica. Ihre Freundlichkeit wirkte zunächst fast ein wenig verstörend auf mich. Aber sie kam von Herzen und das gab mir Mut. Bei Hausgemachtem Raki hörte ich auch hier von Leid, Optimismus und Hoffnung.

 

Ich ließ zu, dass strömender Regen meine Strecke beeinflusste. Er bewegte mich dazu meinen Weg weiter nach Süden fort zu setzen. Nach einem kleinen Abstecher zurück nach Bosnien und Herzegowina gelangte ich über Visegrad nach Montenegro. Dort versuchte ich mich an einer, auf meiner Karte als Karrenweg ausgewiesenen, ‚Straße‘. Der Weg sollte mich über einen 2000 m hohen Berg führen. Der ‚Karrenweg‘ war zwar auch in meinem Navi vermerkt, aber dennoch verlor ich ihn irgendwie. Es gab einfach zu viele Abzweigungen und der Untergrund erforderte vollste Aufmerksamkeit. So vernachlässigte ich die Navigation und landete auf einer Almwiese. Der Weg führte noch etwas weiter hinauf zu einem Bauernhof und war erkennbar eine Sackgasse. Ich versuchte zu wenden, geriet aber auf der nassen Wiese ins Rutschen und dann lag ich schön neben meiner Maschine auf der steilen Wiese. Ich sah den Bauern zu mir hinab eilen und er half das Motorrad wieder aufzurichten. Er lud mich ein, ich nahm dankbar an, ging mit ihm hinauf und wir setzten uns zu seinem Vater vor das Haus. Die Ähnlichkeiten der Beiden ließen wenig Zweifel an der engen verwandtschaftlichen Bindung. Die beiden Männer und eine ältere Frau passten optisch perfekt in diese Landschaft. Kaffee, Brot, Schinken und Käse wurden von zwei Teenagerinnen in äußerst knapper Kleidung und stark geschminkt serviert. Eine illustre Versammlung. Leider hatte ich meinen Fotoapparat am Motorrad gelassen und das stand mehrere hundert Meter bergab. Von unserer Position aus konnte ich erkennen, dass sie mich schon eine ganze Weile lang hatten beobachtet können. Es brauchte einige Überzeugung, vor allem auf Grund der Sprachbarriere, aber am Ende konnte ich erfolgreich den Raki ablehnen. Jedoch erst nachdem der alte Mann ein gutes Wort für mich bei seinem Sohn eingelegt hatte. Anhand meiner Karte und dem hervorragenden Überblick über die Landschaft, konnten sie mir bei der Orientierung und der weiteren Wegfindung helfen. Das nächste Unwetter war bereits im Anmarsch und so schlug ich eine weitere Einladung die Nacht dort zu verbringen aus. Auch wenn ich diese Entscheidung im Nachhinein, in meinem Zelt im strömenden Regen sitzend, ein wenig bedauerte.

 

Für den darauf folgenden Tag hatte ich mir eine Entspannungsetappe verordnet. Ein wenig Asphalt um die Aussicht besser genießen zu können, bevor ich mich in die albanischen Berge stürzte. Kurz vor der Grenze traf ich auf drei deutsche Motorradfahrer, die grade aus Albanien kamen. Sie versorgten mich in Informationen über die von mir gewählte Route und wurden ihre letzten albanischen Leki an mich los, die ich dankend annahm. Aus meiner Hängematte konnte ich den See von Plav sehen und konnte nicht fassen warum ich bis jetzt auf ihren Einsatz verzichtet hatte.

(Link zu dem Reisebericht der drei Deutschen: http://schimmi.de.to/)

Die Gedenkstätte in Srebrenica.

Zerschossenes Haus am Wegesrand.

Die Bergwelt Serbiens.

Kaffeepause hinter der Grenze zu Montenegro.

Gar nicht so weit weg von der Straße.

Wolken bahnen sich ihren Weg durch die montenegrinische Bergwelt. Bei dem Anblick ist auch der Regen egal.

Brücke über die Tara in Montenegro.

Montenegro ist eines der schönsten Flecken dieser Erde.

Ein wenig mulmig fühlte ich mich bei dem Gedanken an die von mir gewählte Route durch Albanien schon. Drei Jahre zuvor war ich schon einmal in Albanien gewesen und nach dieser Erfahrung wollte ich Hauptstraßen auf jeden Fall meiden, auch wenn das nicht komplett möglich sein würde, da ich Tirana ansteuern wollte. Nicht nur die drei vom Vortag hatten mir mit ihren Erfahrungen Zweifel bereitet, auch ein montenegrinischer Motorradfahrer hatte keine positiven Worte für die Befahrbarkeit der Straße übrig.

 

Schon die Grenze war eine Erfahrung für sich. Von Hand wurden meine Daten in ein großes Buch eingetragen und ich sah, dass an diesem Tag vor mir schon fünf Personen die Grenze gequert hatten. Ob einzeln oder gemeinsam in einem Auto konnte ich jedoch nicht erkennen. Der zweite Zöllner, der auf einem Bettgestell in dem Raum schlief, wurde geweckt um mir den Schlagbaum zu öffnen. Dann war es soweit. Der Asphalt endete unmittelbar hinter der Schranke.

 

Albanien verschlug mir die Sprache. So sehr ich es bei meinem ersten Besuch verflucht hatte, so begeistert war ich dieses Mal. Die Horrorgeschichten über die Straße waren vielleicht etwas übertrieben gewesen. Über große und kleine Steine schlängelte sie sich durch Kalksteinberge, in die sich überall dort wo es die Topographie zuließ, Bäume an die Felsen krallten. Vereinzelt schmiegten sich kleinere Siedlungen in die Landschaft. Einige waren bewohnt, andere bereits von der Natur zurück erobert. Nach 50 km traf ich auf eine Baustelle. Es war Straßenbau im Gang. Zunächst ging es über planiertes Geröll, dann durch tiefen Schotter, bis schließlich Asphalt kam. Ein wenig wehmütig fuhr ich die frisch in den Berg gesprengten Serpentinen bis Shkodra.

 

Normalerweise vermeide ich größere Städte auf meinen Reisen. Aber Ausnahmen bestätigen die Regeln. In Tirana betrieb ein alter Bekannter aus Schulzeiten ein Hostel und so machte ich mich dorthin auf den Weg. Es ist eine Stadt im Wandel. Die kommunistischen Monumentalbauten verfallen und neue Wirtschaftszweige entstehen.

 

Früh am Morgen brach ich auf und machte mich wieder auf den Weg in die Berge. Ich spürte die bereits gefahrenen 2600 km in jedem Muskel. Elf Tage fahren ohne Pause gingen mir an die Substanz und das sollte ich an diesem Tag spüren. Die Pisten waren zunächst noch gut zu fahren. Die Orientierung auf den sich durch die wilde Berglandschaft schlängelnden Pfaden schon bedeutend schwieriger. So unbewohnt wie die Landschaft oft schien war sie aber nicht. Und so traf ich oft unerwartet auf Hirten die mir bei der Navigation halfen.

 

Die Temperatur stieg auf 45°C und mit ihnen mein Wasserverbrauch. Der erste Zwischenfall ereignete sich auf einem Abschnitt der mehr an ein trockenes Bachbett als an eine Straße erinnerte und diese Funktion bei Regen wohl auch regelmäßig erfüllte. Ich geriet in eine Rinne, hüpfte ein paar Mal hin und her und landete an einer Böschung. Ich zog meinen Helm ab und brach erschöpft zusammen. Zu allem Überfluss hatte ich auch noch eine Sackgasse gewählt. Nachdem sich mein Kreislauf etwas beruhigt hatte richtete ich mein Motorrad wieder auf. Wenden war an dieser Stelle nicht möglich. Also hochfahren, wenden und wieder bergab. Eine nächste Passage erschien mir noch unmöglicher. Ich hielt und lief zu Fuß die vor mir liegenden Kurven ab. Links eine Abflussrinne mit kopfgroßen Steinen. Rechts Sand und daneben ging es steil bergab. Ich fand frische Reifenabdrücke von einem Motorrad. Also war es machbar. Ich beseitigte die größten Hindernisse aus meiner Fahrspur, entwarf eine Strategie und zog meine Panzerung wieder an. Als ich den Helm aufsetzte bekam ich kaum noch Luft und war einem Hitzschlag nahe. Langsam fahren war keine Option, denn es ging sandig steil bergauf und außerdem wollte ich atmen. Anfahren, 2. Gang, hinstellen, Gewicht nach vorn und Vollgas. Ich rutschte in die Rinne, kam wieder heraus. Die Kurve bestand aus nacktem Fels und meine Reifen bekamen Grip. Langsam durch die Kurve und wieder Gas geben. Oben angekommen schrie ich meine Freude heraus. Kurz darauf versperrte eine Ziegenherde meinen Weg. Ich stieg ab und brach erneut zusammen. Ich konnte einfach nicht mehr stehen. Der junge Ziegenhirte redete viel auf Albanisch auf mich ein. Das Einzige was ich verstand war, dass ich die nächste Abfahrt nach links nehmen müsse.

Hochzeits-photoshooting in Albanien.

Jacke wieder an, Helm auf und der nächste beinahe Hitschlag. Es ging wieder bergab durch ein Bachbett. Meine Kraft reichte nicht mehr um auf den Fußrasten zu stehen. Damit war der nächste Sturz vorprogrammiert. Als mein Motorrad diesmal komplett auf der Seite lag und ich es nicht mehr alleine aufrichten konnte, setzte ich mich einfach in den Schatten daneben und wartete. Irgendwann sah ich einen älteren Mann den Berg hochkommen. Er führte einen Esel neben sich her, lächelte mich an, redete auf mich ein und lud mich zu sich ein. Ich hätte ein gutes Wegstück wieder zurückfahren müssen. Dankend lehnte ich ab. Er half mir und meinem Motorrad wieder auf. Im Sitzen kämpfte ich mich weiter. Spürte jede der unzähligen Unebenheiten in meinen Rücken schlagen. Aber aufstehen ging nicht. Nach ein paar hundert Metern erreichte ich einen Bergsporn mit einer halbwegs ebenen Fläche. Ich entschloss mich dort die Nacht zu verbringen. Bremsen zerbissen mir den Rücken und es gab nichts was ich dagegen zu tun in der Lage war. Außer den Schmerz anzunehmen. Während ich meinen letzten Reis verkochte und überlegte ob ich mein Zelt aufbauen oder einfach auf dem Boden nächtigen sollte, kam noch ein Skolopender des Weges und ich entschloss mich dazu wenigstens das Innenzelt aufzubauen. Erschöpft schlief ich ein.

 

Die erste Nacht in der Hängematte.

Die Bergwelt Albanies hat oft etwas Surreales.

Ein alter muslimischer Friedhof überdauert die Zeit.

Tirana. Diesmal eine echte, von Menschen gebaute Pyramide.

Der "Fluss" in Tirana.

Bei der Navigation helfende Hirten.

Die gewählten Wege in Albanien halten was sie versprochen haben.

Sturz Nummer eins in Albanien.

Sturz Nummer zwei.

Zeltplatz in den Bergen.

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