Reisebericht Berlin-Urfa 3

Teil 1 Teil 2

 

Berlin - Urfa in 14 Tagen - Teil 3

 

Bisher kannte ich von der Türkei lediglich Urfa und Umgebung und wollte mit dieser Tour auch ein besseres Bild vom Rest bekommen.

 

In der Türkei angekommen gab es noch ein Hindernis bevor ich einreisen durfte, den Zoll in Cesme. Zuerst habe ich ihn nicht gefunden, also den Zoll im Hafen. Nachdem ich zunächst beim Rangieren das Motorrad auf die Seite legte, hatte ich ihn gefunden. Eigentlich brauchte ich nur einen Stempel in den Pass, also kein Problem, aber das Zoll Büro war leer. Irgendwann kam jemand, nahm meinen Pass, Fahrzeugschein und die Grüne Versicherungskarte an sich und verschwand. Ich wartete und was dann folgte muss eine sehr aufwändige Prozedur gewesen sein, die ich mir in etwa so vorstellte: Tee trinken. Stempel suchen. Nicht finden. Tee trinken. Stempel suchen. Tee trinken. Stempel finden. Tee trinken. Stempelkissen suchen. Nicht finden. Tee trinken. Stempelkissen hat keine Farbe mehr. Tee trinken. Stempelkissenfarbe bestellen. Tee trinken. Als das Stempelkissen bereit war,... pissen gehen, wegen des vielen Tees. Erschöpft wiederkommen. Tee trinken. Die richtige Seite im Pass suchen und überlegen wie sich der Stempel wohl am harmonischsten in die Seite einpasst. Darüber erst nochmal Tee trinken. Irgendwann stempeln und jemand anderen finden der den Pass zurückbringt. Insgesamt hat das Ganze nur zwei Stunden gedauert. Während ich wartete rannten eine Menge Leute durch die Gegend, tranken Tee, rauchten, aber taten weitestgehend ... nichts. Das stimmte nicht ganz, einer tat etwas. Vor der Tür standen, neben meiner Maschine, noch zwei BMW GS aus Italien und einer der Zöllner drehte mit einer der beiden Maschinen wild Runden im Hafen.

 

Nach einem Zwischenstopp in Urla um eine befreundete Archäologin zu besuchen und einem Tauchgang zur Ausgrabung eines antiken Hafens, ging es weiter. Nicht jedoch ohne noch einen Eimer Wasser beim Abfahren über geschüttet zu bekommen. Ein türkisches Abschiedsritual für eine gute Reise. Normalerweise für Autos angewendet, aber auch für Motorradfahrer geeignet. Eigentlich hätte ich an diesem Tag bereits in Urfa mit meiner Arbeit beginnen sollen. Daher wollte ich zumindest bis Izmir die Autobahn nehmen. Der Versuch eine Mautkarte für die Autobahn zu erwerben erwies sich aber als schwieriger als gedacht.

 

- „Die gibt es an Tankstellen.“

- „Die gibt es nur an Shell Tankstellen.“

an einer Shell Tankstelle:

- „Die gibt es nur an Shell Tankstellen.“

- ???????

 

Also keine Autobahn. Ein Mensch an der Mautstelle der Autobahnauffahrt, der auch keine verkaufte, riet mir doch einfach ohne Karte aufzufahren und dann irgendwo beim Abfahren eine zu kaufen. Er meinte: „Problem yok.“, was so viel bedeutet wie: Kein Problem. Aber da ich kein Neuling in der Türkei war wusste ich schon, sobald etwas ‚problem yok‘ ist, gerät man oft in große Schwierigkeiten. Also Landstraße - ist eh viel schöner.

 

Eines fiel direkt auf im Vergleich zu den vorherigen Straßen. Sie sind, mit Verlaub, scheiße. Schon auf den ersten Kilometern bemerkte ich die Vorliebe der Türken für Rollsplit, vor allem in Kurven.

 

Ephesos kam in Sicht, eine Grabung des Österreichisch Archäologischen Instituts. Aus der Ferne sah ich das Theater und fuhr weiter.

 

Die Berge wandelten sich und waren nicht mehr aus Kalkstein, sondern aus geschichtetem Lehm und wirkten teilweise wie zerflossen. Ein Salzsee erstreckte sich unfassbar glatt und glitzernte in der tiefstehenden Sonne. Eine kleine Wasserfläche spiegelte die von der untergehenden Sonne angeleuchteten Berge und dahinter ein kleines Haus das mitten im See stand.

 

Die nächste Ortschaft war Dazkri, in der es zwei Hotels gab. Eines war groß vor dem Ortseingang angeschlagen und warb mit „Dallas Restaurant“ und heißen Wasser. Das Zweite lag an der Straße, groß, protzig und ein wenig an die albanischen erinnernd. Ich beschloss das Erste auszukundschaften. Es erschien mir wesentlich sympathischer und auch mein Geldbeutel jauchzte auf. Eine gute Wahl. Der Eigentümer sprach deutsch und erzählte mir seine Lebensgeschichte bei sehr gutem Essen, Raki und dem anschließenden Fußballspiel Türkei gegen Aserbaidschan.

 

Erdal war früher Zöllner und Hundeführer und erzählte mir von seiner Ausbildung in England, seinem Hund und seinen Drogenerfahrungen in Deutschland. Auch ein Foto von ihm, mit Hund und weiteren Zöllnern plus Hunde durfte ich anschauen. Ich verabschiedete mich beim Stand von 3:0.

 

Am nächsten Morgen brach ich früh auf. Nachdem ich den ersten Tag weitest gehend auf Hauptstraßen verbracht hatte, beschloss ich einen kleinen Knick nach Norden, den die Hauptstraße machte, „abzukürzen“ und so die Stadt Dinar zu umfahren. Mein Weg sollte mich über Baskamaci und Gülköy nach Asparta führen. Zuerst war es noch eine schmale Asphaltstraße, dann nahm der Rollsplit zu und mit ihm die Steigung. Ein letzter atemberaubender Blick auf den Salzsee und mein letzter Fotostop, dann hörte die Straße auf. Mein Navi zeigte nur noch weiß an und die Schotterpiste hatte sich zu einer Geröllpiste gewandelt, aber immer noch ging es in Kurven bergauf. Albanien war Grundschule, dies hier war definitiv eine Kategorie höher. Ich kam nicht mehr dazu mich auch nur für einen Moment hinzusetzten. Aussicht bewundern? Keine Chance, wollte ich nicht gegen einen größeren Stein knallen. Irgendwann war ich oben, schweißgebadet und keine Ahnung wo ich war oder wo ich hin wollte. In einem kleinen Dorf fragte ich einen Mann nach dem Weg. Er bot mir ein Wasser an und ich stieg dankbar über das Angebot ab. Wie sich herausstellte war er der Iman des Dorfes Köpelli. Er brachte mir ein Glas kaltes frisches Bergwasser und wir rauchten eine Zigarette zusammen. Zwei weitere Männer gesellten sich neugierig zu uns. Mir wurde der Weg nach Gülköy gewiesen. Eine schlechte Asphaltstraße führte aus dem Dorf weg, aber das war nicht meine. Meine Straße ging so weiter wie sie war, nur umgekehrt. Geröll, Schotter, Rollsplit, Asphalt (mit Rollsplit). Ich fuhr durch verschlafene Dörfer mit Lehmhäusern und spielenden Kindern die enthusiastisch winken. Die Menschen waren freundlich und jeder grüßte mich. Ich überprüfte die Zeit. 30km in 2 Stunden.

 

Erneut musste ich nach dem Weg fragen. Ein Mann, der auf einem Feld Mandeln pflückte, half mir und es stellte sich heraus, dass er 12 Jahre lang in Ulm gewohnt hatte und fast perfekt deutsch sprach. Nach einer kurzen Unterhaltung gab er mir noch zwei Mandeln und wünschte eine gute Reise.

 

Der Ulmer Mandelpflücker hatte mir einen guten Weg gewiesen. Zurück auf der Hauptstraße, an Isparta vorbei, führte diese gut ausgebaut, OHNE Rollsplit, in Serpentinen hinab zum Egidir Gölü, einem Bergsee mit sehr ansehnlichen Ausmaßen. Leider war ich zu euphorisch auf Grund des nicht vorhandenen rutschigen Belags und erlaubte mir eine zu große Schräglage. Nun gut, ich hätte es wissen müssen. In einer der Kurven lagen die geliebten kleinen Steinchen natürlich wieder auf der Straße. Das Motorrad hochgerissen - Vollbremsung - kurz vor dem Abgrund zum Stehen gekommen, sendete ich einen großen Dank an Suzuki und den Erfinder des ABS, das auch auf Schotter hervorragend ist.

 

Nach einem kurzen Stopp zur Nahrungsaufnahme ging es wieder von der Hauptstraße ab. Ich hatte Blut geleckt und wollte mehr, also hinauf auf den nächsten Berg. Zunächst ging es jedoch durch wunderschöne Täler, die mich an Montenegro erinnerten, mit ihrem üppigen grün und den hervorstechenden Pappeln. Einige lebensmüde Autofahrer heizten auf den wieder schlechter gewordenen Straßen daher (es gibt übrigens keine Gedenksteine, vermutlich ist es ein Heldentod und man wird zum Märtyrer). Einen vernünftigen Fahrer gab es dennoch. Er fiel mir gleich auf. Er fuhr ein vernünftiges Tempo und überholte nicht. Ich blieb dahinter. Plötzlich versperrte ein lebendes Hindernis den Weg. Ein ausgewachsener Bulle stand mittig auf der Straße. Der Autofahrer wartete, passte einen halben Seitwärtsschritt des Tieres ab und passierte, dann war ich an der Reihe. Ca. 10 m trennten mich von dem Bullen und wir schauten uns an. Er machte keinen sonderlich friedfertigen Eindruck auf mich, aber das mag auch an meiner Einstellung gegenüber Bullen im Allgemeinen gelegen haben, denn so oft stand ich noch nicht einem Vertreter seiner Art gegenüber. Die Straße war nicht sonderlich breit, so dass bei Gegenverkehr ein Fahrzeug neben die Straße ausweichen musste. Zudem hatte der Bulle sich eine Engstelle ausgesucht, auf einer Seite von einer Felswand begrenzt und auf der anderen ging es etwa 20 m hinab. Ich drehte am Gas und irritierte ihn offenbar damit. Daher fuhr ich mit viel Gas, aber sehr langsam auf ihn zu. Als er dann einen halben Schritt zur Seite tat ließ ich die Kupplung los und schoss vorbei. Überglücklich bemerkte ich, dass der Autofahrer gewartet hatte wie die Situation ausging. Ein paar hundert Meter weiter freute ich mich darüber noch mehr. Denn der Bulle war nicht alleine gewesen, sondern nur ein Präludium. Eine ganze Herde von ca. 30 Bullen machte sich nun wirklich breit. Mit ca. einem Meter Abstand fuhr ich hinter dem Auto her und kam heil hindurch.

 

Dann ging es bergauf. Diesmal gab es meistens so etwas Ähnliches wie Asphalt, aber extrem uneinsehbare Kurven und so blieb ich hinter dem vernünftig fahrenden Autofahrer, der offensichtlich Ortskundig war. Auch wenn sein Auto sich oft hinauf quälte verspürte ich nicht direkt das Bedürfnis ihn überholen zu müssen. Ich wollte lieber langsam ankommen und dabei die Aussicht genießen, die wieder einmal atemberaubend war.

 

Oben auf dem Pass angekommen hielt das Auto und ich tat es ihm gleich, auch schon um mich bei ihm zu bedanken. Dort wurde ich dann Zeuge einer merkwürdigen Szene. Es gab einen kleinen eingezäunten Bereich zum Picknicken, mit Bänken und einem kleinen Häuschen. Dort stand ein Jungbulle und auch er machte nicht unbedingt einen friedlichen Eindruck auf mich. Ein Mann mit einem kleinen Moped, wie sie in der Türkei überall herumfahren, kam den Berg hinauf. Er stieg ab, zündete sich eine Zigarette an, nahm ein mitgebrachtes Seil in die Hand und ging forsch zu dem Tier hinein. Ich fragte ihn ob er denn mit dem Moped den Bullen ins Tal bringen wolle. Daraufhin lachte er und deutete, dass er ihn schlachten würde. Meine Neugier war jetzt erst recht geweckt, aber die Frage nicht beantwortet. Er legte eine Schlinge auf den Boden und schon beim zweiten Versuch trat der Delinquent hinein und das Bein war gefangen. Begeistert war das Tier darüber nicht.

 

Leider habe ich nicht beobachtet wie das ganze ausging, aber ich kann es mir denken. Nur den Abtransport hätte ich gerne gesehen. Denn lebend wäre es vermutlich einfacher gewesen den Bullen neben dem Moped her zu führen. Aber Tot, auf dem Teil ???

 

Mein Begleitfahrzeug wollte weiter ich und wollte die Gelegenheit nicht missen mit ihm zusammen hinab zu fahren.

 

Unten trennten sich unsere Wege und er wies mir die Richtung, eine weitere Schotterpiste. Diesmal ging es um den Beysehir See herum und die Straße sollte dort offensichtlich verbreitert werden. Der Anfang war bereits gemacht und überall um den See herum schlugen Menschen Bäume um Platz für die neue Straße zu schaffen. Ich war glücklich sie noch in diesem Zustand befahren zu können. Ich entschied mich gegen einen Fotostop, weil ich wieder mal zu viel Zeit verloren hatte und nicht schon wieder anhalten wollte, denn mein Ziel für heute war klar: Catal Höyük. Die Entscheidung wurde mir aber abgenommen, denn kurz darauf versperrte ein Baum meinen Weg. Mit mir musste eine Herde Kühe warten. Diese machten diesmal einen sehr friedlichen Eindruck und waren es auch. Dankbar über den Zwangshalt machte ich Fotos und setzte mich zu einigen Arbeitern in den Schatten.

 

Fortsetzung

 

Willkommen in der Türkei.

Der moderne Hafen von Urla.

Archäologen tauchen im antiken Hafen.

Nachbau der Uluburun.

Der Salzsee.

Das letzte Stück Asphalt.

Der Iman (mitte) von Köpelli mit zwei Dorfbewohnern.

Der Egidir Gölü.

Berglandschaft.

Oben auf dem Pinargözü.

Kippe ist ganz wichtig für die Lässigkeit.

Gefangennahme eines Bullen.

Ein Baum versperrt die Straße.

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