Reisebericht Berlin-Urfa 4

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Berlin - Urfa in 14 Tagen - Teil 4

 

Nachdem der für meine Pause verantwortliche Baum beiseite geräumt war, machte ich mich wieder auf den Weg. Die Straße schlängelte sich noch etliche Kilometer um den See herum, bis ich wieder auf eine autobahnähnliche Asphaltdecke traf.

 

Da ich noch an diesem Tag den archäologischen Fundort Çatal Höyük besuchen wollte, entschloss ich mich auf der neuen und gut ausgebauten Straße, die sich sanft durch die Berge schlängelte, zu bleiben. Als ich über eine Kuppe fuhr breitete sich unter mir eine Ebene aus, die komplett von der Stadt Konya eingenommen schien. Sie war gigantisch, vor allem wenn man bedenkt, dass ich bisher alle größeren Städte umfahren und mich eigentlich nur in kleineren Dörfern und Ortschaften herumgetrieben hatte. Die Stadt erstreckte sich, ohne den geringsten Höhenunterschied, bis zum Horizont. Winzig ausschauende Hochhäuser stakten aus den ansonsten maximal dreigeschossigen Bauten heraus und das alles war übersäht von einem Meer aus Minaretten, die die Stadt in ein Nadelkissen verwandelten. Mein Umgang mit dieser Stadt bedurfte keiner großen Überlegung: UMFAHREN! Lediglich die Vororte musste ich durchqueren. Dort passierte ich einen Traktor, der zwischen Vorder- und Hinterachse durchgebrochenen war. Die umstehende Menschenmenge konnte vermutlich auch nicht fassen, wie so etwas passieren konnte. Nach endlos scheinenden Kilometern war es dann so weit. Die Hinweisschilder nach Çatal Höyük waren ohne Entfernungsangabe und weit gestreut. Doch irgendwann tauchte der Parkplatz vor mir auf. (Wer sich näher für Çatal Höyük interessiert, dem sei die Projektseite im Internet empfohlen: www.catalhoyuk.com).

 

Die Grabungsschnitte sind mit einem raupenartigen Membrandach überdeckt und ich bekam eine Ahnung davon wie es tagsüber sein musste. Der Wächter bestätigte meine Vermutung. Es ist ein Treibhaus, vor allem da im Hochsommer gearbeitet wird. Neben dem Hügel selbst, mit den Ausgrabungsflächen, gibt es ein rekonstruiertes Haus und ein kleines Museum. Die Funde allerdings befinden sich in Konya im Museum. Ich überlegte, da ich aber schon 3 Tage im Verzug war und Konya mich ansonsten nicht im Mindesten reizte, entschied ich mich jedoch dagegen.

 

Als ich mich von diesem bemerkenswerten Fundplatz wieder verabschiedete stand die Sonne schon bedrohlich nahe über dem Horizont. Wohin fahren? Entweder zurück nach Çumra, wo es Hotels gab, oder aber weiter. Ich entschied mich gegen das Zurückfahren und machte mich auf den Weg. Nach ein wenig Schotter erreicht ich eine breit ausgebaute Straße und beschleunigte. Die Temperatur nahm deutlich ab, nicht so dass ich fror, aber es wurde angenehm, was leider nicht auf mich zutraf. Die in diesem Bereich gut bewässerte Konya Ebene beherbergte Milliarden von Mücken und die machten sich jetzt zu ihren abendlichen Beutezügen auf. Nicht, dass sie mich durch die Lederkombi hindurch stechen konnten, sie waren es die zu Zehntausenden dahingerafft wurden als ich mit meinem Motorrad hindurch pflügte. Nach kurzer Zeit bedeckten sie jedoch fast vollständig mein Visier, so dass die Sicht immer eingeschränkter wurde. Öffnen wollte ich es aber auf keinen Fall. Irgendwann erreichte ich mückenbedeckt die Ortschaft Karapinar und nahm mir dort ein Zimmer.

 

Das Zimmer war luxuriös und mit ihm das Frühstück am nächsten Tag. Der Besitzer von Hotel und angegliedertem Supermarkt versicherte mir, dass mein Gefährt dort sicher stehe und so war es aus. Aufladen musste ich allerdings in einer Traube von kleinen Kindern und noch neugierigeren Männern. Touristen schienen dort sehr selten zu sein und Tourenfahrer noch seltener. Umso größer meine Scham, als ich arg wackelig durch einen Abflussgraben losfuhr.

 

Es gab zwei Möglichkeiten für mich an diesem Tag, entweder direkt nach Urfa fahren und Donnerstagabend dort ankommen, oder aber noch einen Abstecher durch Kappadokien machen und am Freitag in Urfa sein. Am Freitag würde eh nicht gearbeitet werden und so entschied ich mich einen Umweg durch die Ebene nach Norden zu fahren. Mein Navi fragte nicht einmal mehr ob ich auf ungepflasterten Straßen nach Aksaray fahren wollte, es leitete mich einfach über Schotterpisten. Abgesehen von einem kurzen Augenblick, der mir die Grenzen meines Könnens auf Schotterpisten aufzeigte, war es eine wunderschöne Fahrt. Schnurgrade Pisten in Sichtweite des Hasan Dagi.

 

In Aksaray angekommen fuhr ein Auto neben mir und der Fahrer rief mir auf Deutsch zu, dass ich ihm folgen solle, er wolle mich zum Tee einladen. Da ich sowieso eine Pause machen wollte, kam die Einladung sehr gelegen und ich folgte. Er war ein in Deutschland lebender Türke, der mir seine Lebensgeschichte erzählte, die mich sehr nachdenklich stimmte. Es war eine Geschichte von falschen Hoffnungen und großen Erwartungen, die mir die tiefe Zerrissenheit offenbarte, die der Preis dafür ist zwischen zwei Kulturen aufzuwachsen und zu leben.

 

Der Wirt der Teestube veränderte meine Route und empfahl mir Güzelyurt anzufahren. Ich folgte seinem Rat, konnte aber nicht verhindern, dass ich mich verfuhr, was sich allerdings als großer Glücksfall erwies. In einem weder auf Karte noch im Navi verzeichnetem Dorf sah ich ein Hinweisschild: „Asikli Höyük“. Ich muss gestehen, dass ich vorher keine Ahnung hatte wo sich dieser Ort genau befindet, und ich bin niemandem böse wenn er ihn nicht kennt, aber ich hatte schon viel über ihn gelesen und war dem entsprechen aufgeregt. Asikli ist eine Siedlung die ebenfalls in das Präkeramische Neolithikum datiert. Hier war nicht wie in Çatal Höyük nur ein einziges Haus rekonstruiert, sondern ein ganzes Dorf. Ich war begeistert. Als Besuchsziel ist es bedingungslos zu empfehlen, wenn auch nicht ganz einfach zu finden.

 

Wieder auf der Straße durch Kappadokien, kurz hinter Güzelyurt, sah ich ein äußerst seltenes Bild. Zwei Tourenfahrer am Straßenrand. Ich hielt unverzüglich an und traf ein junges Pärchen aus Wien. Wir tauschten Essen und Fahrtipps aus, bevor wir uns wieder auf unsere Wege begaben.

 

Die nächste Bergstraße wies beeindruckend guten Asphalt ohne Rollsplit auf und auf über 2000 m hatte man eine großartige Aussicht. Danach wurde es fahrtechnisch langweilig. Ich schwenkte wehmütig auf die breit ausgebaute Hauptstraße und wurde prompt von der Polizei angehalten weil ich angeblich zu schnell war. Die erlaubten 90 km/h hatte ich laut GPS exakt eingehalten. Da standen nun ein Haufen Polizisten mit meinem deutschen Fahrzeugschein und realisierte, dass es ja kein kleines Moped war das sie da angehalten hatten, welches nur 70 hätte fahren dürfen, sondern ein großes Motorrad. Es wurde gefunkt, geblättert, ratlos drein geschaut und das Motorrad bewundert. Auf meine Frage ob es ein Problem gäbe kam erst mal nur Ratlosigkeit zur Antwort. Derweil drehte und verteilte ich Zigaretten an die Polizisten um sie milde zu stimmen. Nach einer halben Stunde, in der auch der Radarwagen herbeigerufen wurde, und nun noch mehr Polizisten ratlos um mein Motorrad herumstanden, ließen sie mich einfach wieder fahren. Später an dem Abend erfuhr ich dann, dass auch große Motorräder nur 70 fahren dürfen. Glück gehabt.

 

Irgendwann schaffte ich es eine Mautkarte für die Autobahn zu erstehen und befuhr das breite, brutal die Landschaft durchpflügende sechsspurige Band.

 

Zu der Autobahn müssen an dieser Stelle einige Anmerkungen gemacht werden. Es gibt an den Auffahrten Verbotsschilder, die vier Dinge verbieten. Anhalten, Fußgänger, Fahrradfahrer und Eselskarren. Ich habe keine Eselskarren gesehen, aber neugierig danach Ausschau gehalten. Teilweise war der Seitenstreifen stärker bevölkert als die Fahrbahn. Kinder boten Obst und Frauen sich selbst an. Lokale Bauern hatten ganze Stände mit Obst und Gemüse aufgebaut und Fahrradfahrer fuhren auf dem Seitenstreifen. Ein buntes Treiben.

 

Bei Einbruch der Dunkelheit verließ ich die Autobahn um mir ein Hotel zu suchen. Die Wahl fiel auf die Stadt Ceyhan. Es bereitete mir einige Schwierigkeiten ein Hotel zu finden. Etwas verzweifelt und ratlos stand ich an einer relativ stark befahrenen Kreuzung, nachdem ich der Wegbeschreibung eines Polizisten nicht hatte folgen können. Ein Mann sprach mich in gebrochenem Englisch an. Wie sich später herausstellen sollte, war er Basketballtrainer. Er half mir ein Hotel und einen bewachten Oto Park für mein Motorrad zu finden. Denn in einer größeren Stadt wollte ich mein Motorrad unter keinen Umständen auf der Straße stehen lassen. Kaum war es abgestellt und ich auf der Suche nach etwas zu Essen, erblickte ich eine Kuriosität. Einen anderen Motorradfahrer. Ein Chopper mit Rocker darauf und deutschem Kennzeichen. Er hielt 100 Meter weiter vor einem anderen Hotel an und ich ging hin. Ein Deutschtürke auf Heimaturlaub. Er stellte sein Motorrad neben meines auf den bewachten Parkplatz, da auch er sich unwohl fühlte bei dem Gedanken es auf der Straße zu lassen. Es endete damit, dass ich noch mit ihm, seinem Cousin und weiteren Mitgliedern der Familie oder Freunden Tee trinken war. Von ihm erfuhr ich auch, dass es unklug sei unbewaffnet oder alleine nachts dort unterwegs zu sein. Da hatte ich mir wirklich eine schöne Stadt ausgesucht für meinen letzten Halt. Besorgt um mich eskortieren sie mich bis zum Hotel.

 

Der letzte Tag war fast ereignislos, worüber ich nicht wirklich unglücklich war, wenn auch traurig, dass die Fahrt schon vorbei sein sollte. Ich begab mich wieder zur Autobahn. Sie führt in ein Bergmassiv hinein und nach einem langen Tunnel wird man bei der Ausfahrt von einer spektakulären Aussicht erschlagen. Man findet sich an der Flanke eines Berges, oberhalb von Nudagi und Blickt auf den Beginn des Großen Grabenbruchs, der sich quer durch die Levante, über das Rote Meer bis zum Viktoriasee in Afrika hinzieht. Auf hohen Stützen schwebt man über eine Landschaft hinweg, in der menschliche Bauten und Siedlungen wie Sprenkel in dieser Manifestation der Zeitlosigkeit wirken.

 

Ich hatte ich es fast unfallfrei geschafft. Fast! 10 m vor dem Haus in dem mein braves Gefährt auf die Rückfahrt warten sollte, kam mir durch eine schmale Gasse mit viel zu überhöhter Geschwindigkeit ein Moped entgegen gerast. Ich bremste, er kam um die Ecke geschossen und bremste ebenfalls, schlitterte aber dennoch in mich hinein. Meine Maschine kommentierte den Zusammenstoß nur mit einem leichten ‚Pöck‘ und blieb ansonsten völlig unbeeindruckt. Der Mopedfahrer hob seine Schrottkarre wortlos auf und raste genauso davon wie er gekommen war, offensichtlich hatte dieser Zwischenfall keinen Lernerfolg bei ihm bewirkt.

 

Meine Reise hat einen bleibenden Eindruck bei mir Hinterlassen. Die Menschen die ich traf und von denen ich trotz des Umfangs dieses Berichts nur eine Auswahl wiedergeben kann, haben mich tief berührt. Vor ihrer Offenheit, Gastfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft muss ich voller Respekt den Hut (oder Helm) ziehen.

Der Weg nach Çatal Höyük.

Das Schutzdach in Çatal Höyük.

Die archäologischen Befunde von Çatal Höyük.

Ein rekonstruiertes Haus in Çatal Höyük.

Der Umweg nach Aksaray. Am Horizont ist der Hasan Dagi zu erkennen.

Aufgelassene Dörfer am Wegesrand.

Das rekonstruierte Dorf in Asikli Höyük.

Durchblick.

Ausblick.

Das letzte Mal über 2000 m.

Mein Motorrad im Hof des Grabungshauses.

Motorradfahrer auf dem Bazar von Urfa.

Morgenstimmung am Göbekli Tepe.

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